Die fabelhafte Welt des Armin Hott

12. November 2020 | Aktuelles

Rheinpfalz 12.11.2020

Gegenüber: Eine große Party wird es coronabedingt nicht geben, wenn Armin Hott heute seinen 60. Geburtstag feiert. Einsam wird sich der Künstler in seinem Kandeler Atelier dennoch nicht fühlen. Die umgebaute Scheune ist groß genug für die Familie und ein munteres Defilee an Raben, Hühnern und Konsorten.
Von Brigitte Schmalenberg

Rheinpfalz die fabelhafte welt des Armin Hott - Foto Inversen
Foto: Iversen

Kandel. Für eine adäquate Gratulation hat Armin Hott schon selbst vorgesorgt. Sein „großer Glückwünscher“ kommt stilecht im schwarzen Frack, hat in der linken Hand einen Blumenstrauß, in der rechten ein Gläschen Sekt und mittendrin den langen gelben Schnabel. Raben gehören zum Stammpersonal des in Landau geborenen Grafikers.

Das Wort Personal trifft es ganz gut, denn die Viecher, die Hott schon seit Schülerzeiten am Eduard-Spranger-Gymnasium erschafft, sind Stellvertreter menschlicher Charaktere. Der schlaue, intellektuelle Rabe, die lebenskluge Eule, die munteren Hühner, die als hütende Glucken oder stolzgeschwellte Gockel ein besonders breites Spektrum menschlicher Züge abdecken, und von Anfang an auch Schnecken und Elefanten bevölkern seine fabelhafte Welt.

Menschen in ihrer wahren Gestalt entschlüpfen Hotts Druckpresse eher selten. Schließlich mag der zurückhaltende Gesellschaftsbeobachter trotz seines kritischen Scharfsinns niemanden persönlich beleidigen. Die tierische Typisierung aber ermöglicht es dem zweifachen Vater und dreifachen Opa galant durch die Blume zu sprechen. So witzig seine Radierungen auf den ersten Blick aussehen und so leichtfüßig ihr Humor rüberkommen mag: Stets sitzt ihnen der Schalk im Nacken, nie mangelt es ihnen an scharfzüngigem Witz, immer gibt es eine Reibefläche, an der die vermeintlich heile Welt ein paar Blessuren abbekommt.

Rheinpfalz die fabelhafte welt des Armin Hott - Foto Inversen
Foto: Iversen

Die pointierten Wortspielereien, welche die kleinen, aber vieldeutigen Szenen begleiten, geben zusätzliche Würze. „Wenn’s gut geht, hab’ ich Bild und Titel gleichzeitig“, meint Armin Hott, der sich direkt nach dem Studium der Kunsterziehung in Mainz für den Brotberuf des freischaffenden Künstlers entschieden hat. Spontan, wie aus einem Wurf sollen seine Gestalten wirken. Ihr Auftritt soll locker vom Hocker sein, niemand soll den kecken Recken ansehen, dass ihr Entstehungsprozess durchaus mühsam ist.

Am einfachsten fällt Hott das Ideensammeln. Weil sich seine Themen entweder „ironisch auf Eckpunkte des Lebenslaufs“ beziehen, Berufsgruppen karikieren oder ein Stückchen Heimat vorführen, findet er sie überall. So macht er sich allenthalben rege Notizen. Die warten dann in den Schubladen der Atelierschränke aufs Ausbrüten.

Dabei spielt die Musik eine Rolle. Ganze Regalwände voller CDs, mehrere Gitarren und Verstärker verraten die zweite Leidenschaft des Künstlers. Was mit einer eher klassischen Klavierausbildung zu Kinderzeiten begann, nahm in Jugendjahren in diversen Bands Fahrt auf. „Dosenbier war früher – Hobo ist immer noch“, erzählt Hott und ein Strahlen geht über sein Gesicht. Bei der gepflegten Pfälzer Country’n’Roll-Band spielt er mit Leidenschaft die Fidel.

Auch bei der Arbeit im Kandeler Atelier, das seit 1987 sein Lebensmittelpunkt ist, „läuft immer Musik“. So geht ihm das „stundenlange Rumtüfteln“ an den tiefgründigen Kleinformaten leichter von der Hand. Wenn Hott einen Geistesblitz hat, dann wird der flugs auf Papier skizziert, sodann als Vorzeichnung in die richtigen Proportionen geführt und schließlich als Reinzeichnung inklusive flottem Spruch auf Transparentpapier übertragen.

Das wiederum dient nun als Paus-Vorlage für das Einkratzen des Motivs in die polierte, entfettete und mit säurefestem Teerlack behandelte Kupfer- oder Zinkplatte. „Ich ätze extrem tief und lang, baue viel über die Schraffur auf“, erläutert der Grafiker. Schicht für Schicht vom dicken Strich bis zur dünnsten Linie durchwirkt er das Blech. „Und wenn man denkt, man ist fertig, macht man am besten noch mal zwei oder drei Durchgänge“, beschreibt Hott den intensiven Prozess, bevor die Platte – von Säure befreit – in den Druckschlitten wandert.

Rheinpfalz 12.11.2020 Die fabelhafte Welt des Armin Hott

Das Ergebnis ist ein einfarbiges, aber beileibe kein eintöniges Bild. Dennoch wird jedes einzelne Exemplar noch mit Tusche und Aquarellfarben handkoloriert und so zum Unikat geadelt. Hotts Bilder atmen hintergründigen Humor, Herzlichkeit und Heimatliebe. Seine Welt wird belebt von den Menschen der Region, aus denen Hott coole Typen macht, die es sogar ins Ausland schaffen.

Aber seine Welt nimmt sich auch in Acht vor Provokateuren, die den Frieden vor der eigenen Haustür zu stören suchen. Als Kandel zur Bühne der rechten Szene mutierte, sind Hotts Grafiken erstmals politisch geworden. Mit seinem kürzlich entworfenen Logo für die „Omas gegen Rechts“, zu denen sich auch seine Frau bekennt, zeigt der Druckgrafiker Flagge.

Die Viecher sind beim Druckgrafiker Armin Hott Stellvertreter für menschliche Charaktere. Seine Radierungen koloriert er von Hand – so wird jedes Blatt zum Unikat. Fotos: Iversen

Quelle
Ausgabe Die Rheinpfalz Germersheimer Rundschau – Nr. 264
Datum Donnerstag, den 12. November 2020
Seite 26